Archiv der Kategorie: Bildbearbeitung

„You’re brand new – You’re retro“

„Fotos rauben die Seele eines Menschen“ glauben einige Naturvölker – so ein Mythos der Fotografie.

Was ist aber mit der Seele der Fotografie?
Wird diese durch digitale Aufnahmetechnik geraubt?

Pixeldämmerung:

Die Dämmerung der sich massenhaft verbreitenden digitalen Fototechnik sah ich 1995. Ein Artikel des damals neuen deutschen Rolling Stone Magazines zeigte Digitalfotos, welche live von einem Rock-Konzert -passenderweise eines der Stones- übertragen waren. Klötzchengrafik, Treppcheneffekt – Bildqualität mangelhaft; aber es zeichnete sich ab was folgen würde.

10 digitale Kameragenerationen* später ist objektiv festzustellen, dass die digitale Revolution auch im fotografischen Bereich zumindest technisch abgeschlossen ist, nachdem sie ja im Bereich Tonaufnahme und – Bearbeitung etwa 10 Jahre früher stattgefunden hatte.

Ende 2010 sind die Kameras aller Klassen, die Objektive, das Zubehör und die Nachbearbeitung ausgereift, Zumindest, wenn die Marketing-Experten den Ingenieuren mal nicht ins Handwerk pfuschen. Der Megapixel-Wettlauf scheint beendet und lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.

Von der Anmutung digitaler Fotos

Die digitale Fototechnik, ich schliesse hier die digitale Nachbearbeitung der Bilddateien ein, macht es einfach, die system- oder verfahrensbedingten Fehler und Mängel der analogen Fotografie loszuwerden: Filmkorn als kleinster gemeinsamer Teiler bezüglich Auflösung, Farbstiche durch falsche Farbtemperatur der Beleuchtung, echte und künstliche Vignettierung, das Festgelegtsein auf die Empfindlichkeit des eingelegten Films – all dies spielt bei richtig angewendeter Digitalfotografie keine Rolle mehr oder lässt sich bei der Nachbearbeitung mit wenigen Mausklicks entfernen. Dass die Digitalfotografie mit eigenen neuen system- und verfahrensbedingten Schwierigkeiten zu kämpfen hat ist sicher unbestritten, sei aber hier auch nicht Thema.

Retro-Look oder Seelenwanderung?

Ich lasse die ‚hippen‘ Digitalfotos der etwa letzten drei Jahre revue passieren und stelle fest, dass es derzeit schick zu sein scheint, digitale Fotos mit analogen Fehlern aufzupäppeln. Hier eine kleine Hit-Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Vignettierung,
  • Blendenflecken,
  • Rauschen (meist als Versuch, Filmkorn nachzubilden),
  • Farbstiche, z.B. „wie ein verblasstes Kodak-Pocket-Foto“,
  • Anmutung von Crossentwicklung,
  • die Nachbildung des Polaroid-Transfer-Verfahren und
  • digitale Handkoloration.

Nun frage ich mich: Warum braucht es das augenscheinlich?

Von Hause aus Tonmeister erinnere ich mich an ähnliche Bestrebungen in der Musikproduktion.
Tatsächlich gab es, kurz nachdem die CD als Musikabspielmedium die LP abgelöst hatte, Produktionen, bei denen künstlich Rauschen und Knacksen und die fürchterlich niedrige Übersprechdämpfung der 45°-Flankenschrift zugemixt wurde. Argument: „Klingt dann nicht so steril.“ Diese Phase war bei der Musikproduktion aber allenfalls ein kurzes Aufflackern der Gestrigen. Heute hat die digitale Musikproduktion ihre eigene Ästhetik gefunden. Das es parallel dazu eine ’neue Vinylwelle‘ gibt bzw. gab lässt das Gros der Produktionen unbeeinflusst.

Wie wird es in der digitalen Fotografie?
Bleibt der Retro-Look ein Standard-Stilmittel? Braucht die ’neue‘ Fotografie die Seele der alten, weil sie selbst keine hat?
Oder wird sich das Repertoire der digitalen Bild-Anmutungen über das schon etwas zu strapazierte HDR und den Saubermann-Look der Pixelschubser hinaus so erweitern, dass die Bildfehler von vorgestern dort bleiben können, wo sie eigentlich hingehören?

Time will tell!

* Nach dem Mooreschen Gesetz verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit von Computern – nichts anderes sind digitale Kameras – alle 18 Monate.
Abgeleitet heißt das, eine technische Kamerageneration ‚lebt‘ 1 1/2 Jahre.

UPDATE 2011-04-25:

Auf Spiegel Online stellt Ole Reissmann Retro-Apps für Smartphones und Tablets vor.

 

„Fachwissen vom Bahnhof?“ Photoshop-Sonderhefte unter der Lupe

Bildbearbeitung ist derzeit groß im Trend. Zeitschriften, Bücher und Websites sprießen wie Pilze aus dem Boden. Photoshop, das Bildbearbeitungsprogramm der Firma Adobe, steht als Synonym für ein ganzes Software-Genre.

Zeitschriften

Die Namen der Zeitschriften lesen sich entsprechend: Advanced Photoshop, Photoshop Creative, psd mag. Allein Docma, die traditionsreichste Deutsche Zeitschrift für Bildbearbeitung, nutzt das Buzzword nicht, was sicherlich damit zusammen hängt, dass Adobe Photoshop zur Zeit der Gründung von Docma noch nicht die Quasi-Monopol-Stellung hatte, wie sie heute besteht. Alle genannten Titel sind für 10€ pro Heft/Monat zu haben.

Bücher

Zweifellos gute Fachbücher zu Bildbearbeitung und Photoshop haben die Verlage dPunkt und Galileo im Programm. Doch diese haben es derzeit schwer, ärgert doch Adobe derzeit die Anwender mit jährlich neuen Creative-Suiten. Das bedeutet für Titel, welche sich auf eine bestimmte Photoshop-Version  beziehen, eine Halbwertzeit von einem guten halben Jahr. Der Buchkäufer bleibt mit seinem (scheinbar) veralteten Bücherregal zurück.

So ist bei den Buchtiteln auch ein leichter Trend zu beobachten, die Buch-Titel von den Photoshop-Versionen zu lösen und eher eingegrenzte Themen als Titel zu wählen: Das Photoshop-Buch für digitale Fotografie, Das Photoshop-Buch People & Porträt undPractical HDRI, seien hier als Beispiele genannt.

Online-Medien

Logo: FotoTV
Logo: FotoTV

Im Zeitalter der Tutorial-Sammlungen wie „psd-tutorials„, Photoshop Podcasts wie Photoshop User TV und Videoportalen wie FotoTV, „Adobe TV“ oder selbst YouTube stellt sich die Frage, ob gedruckte Publikationen überhaupt noch benötigt werden, um Bildbearbeitung zu lernen.
Ich beantworte dies für mich klar mit „nein“, soweit es nur die Inhalte geht.
Aber, da ich (noch immer) mit einem Einzelmonitor arbeite, ist das Nachvollziehen eines Bildbearbeitungs-Tutorials aus dem Web mit ständigem Hin- und Herwechseln zwischen Anleitung und Photoshop-Oberfläche verbunden. Das strengt mich persönlich sehr an und ich empfinde es als unbequem. Ein neben der Tastatur liegendes Heft oder Buch bevorzuge ich. Außerdem kann ich schon ‚offline‘, also ohne am Computer zu sitzen, vor-lesen.

Unterrichtsmedium gesucht

Diese Vorüberlegungen im Sinn habend begann ich letzte Woche erstmalig einen Bildbearbeitungs-Grundkurs zu unterrichten – die angehenden Fotomedienfachleute sollen bis zur Gesellenprüfung im Mai 2011 fit werden mit Photoshop. Ein geeignetes gedrucktes Unterrichtsmedium musste aus den oben genannten Gründen her, obwohl Lehrunterweisungen, Videos und elektronische Tutorials gut akzeptierte Darbietungsformen sind. Ein Fachbuch zum Kauf vorzuschreiben kam bei üblichen Preisen um die 30€ aufgrund der schmalen Schülerportemonaies nicht in Frage.

Mit Photoshop Aktuell besitzen wir im Fachbereich Fotografie am OSZ-I Technik Potsdam zwar eine hervorragende Loseblattsammlung zur Hand des Lehrers, doch ist die direkte Nutzung im Unterricht, z.B. als elektronische Kopie, schon allein aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich.

Eines der periodisch erscheinenden Sonderhefte zur digitalen Bildbearbeitung kam da eher in Frage, scheint das Preis-Leistungsverhältnis bei ~ 200 A4-Seiten für ca. 15€ doch erst mal hervorragend zu sein. Allerdings wollte ich prüfen, ob der Inhalt hält, was die Verpackung verspricht. Drei solcher Sonderhefte seien also hier bezüglich ihrer Eignung als Unterrichtsmaterial geprüft und bewertet:

  1. Photoshop für Einsteiger„Photoshop Creative Sonderheft
    Dezember 2009
    220 Seiten
    14,95€

    Cover: Photoshop für Einsteiger
    Cover: Photoshop für Einsteiger
  2. Photoshop für Einsteiger Vol. II„Photoshop Creative Sonderheft
    November 2010
    220 Seiten
    14,95€

    Cover: Photoshop für Einsteiger Vol. II
    Photoshop für Einsteiger Vol. II
  3. Photoshop Bibel„DigitalPhoto Sonderheft
    November 2010
    226 Seiten
    12,80€

    Cover: Photoshop Bibel
    Cover: Photoshop Bibel

1. „Photoshop für Einsteiger

Nachdem ich das Heft vor einem Jahr an einer verschneiten Tankstelle irgendwo in Vorpommern gekauft hatte, war mein erster Eindruck durchweg positiv. Viele interessante Themen und Workshops und auch für mich einiges Neues.

Bei näherem Hinsehen wurden einige handwerkliche Fehler deutlich: Die Bebilderung hat zum Teil erheblich zu wenig Auflösung, hässliche Pixelblöcke und Treppchen sind die bekannte Folge – etwas, was bei einem Fachmagazin für Bildbearbeitung die Glaubwürdigkeit nicht gerade erhöht. Außerdem zeigen viele der kleineren Screenshots die englische Programmoberfläche. Letzteres wäre für mich kein Problem, für meine Schüler größtenteils schon. Das Layout des Heftes wirkt sehr uneinheitlich, was das Blättern etwas anstrengend macht.

All dies wäre noch kein direkter Grund zur Disqualifikation des Heftes als Unterrichtsmittel. Den liefert aber dann die nähere Betrachtung der Gliederung: Das Grundlagenkapitel ist in meinen Augen doch zu allgemein und macht den Eindruck des Seiten-Schindens. In einem Heft, welches sich explizit an Einsteiger richtet, hätte ich etwas mehr didaktisches Geschick bei Aufbau des Inhaltes erwartet.

2. „Photoshop für Einsteiger Vol. II

Das „Photoshop für Einsteiger Vol. II“ ist dem Vorjahresheft in vielem sehr ähnlich: Anzahl der Workshops (50) Seitenzahl und Preis sind gleich.

Das Layout wirkt einheitlicher und ruhiger, die kleinen Screenshots entstammen wiederum teilweise der englischen Photoshop-Version. Falsch skalierte bzw. zu gering aufgelöste Bilder habe ich bisher in Vol. II nicht gefunden.

Aber auch das Einsteiger-Kapitel fehlt. Geht der Verlag vielleicht davon aus, dass Käufer von Vol. II auch Vol. I haben sollen? Didaktisch strukturierter Aufbau? – Fehlanzeige. Das Vol. II ist, mehr noch als Vol. I, eine lose Sammlung von Workshops. Für Einsteiger wird mMn teilweise zu viel vorausgesetzt bzw. nicht erklärt.

3. Photoshop Bibel

Viel besser macht es in meinen Augen DigitalPhoto mit ihrem Sonderheft „Photoshop Bibel“. Das Layout ist einheitlich, die Screenshots haben eine einheitliche (gerade noch) lesefreundliche Größe und sind komplett in Deutsch.

Die eigentliche Stärke des Heftes liegt für mich aber darin, dass die Gliederung gerade für Anfänger sehr gelungen ist: das Kapitel 1 „Erste Schritte“ bietet einen schnellen aber nicht oberflächlichen Überblick, was mit Photoshop möglich ist und worauf es ankommt. Auch erste Erfolgserlebnisse sind für Bildbearbeitungs-Anfänger garantiert.

Das zweite Kapitel zu den Neuerungen von Photoshop CS5  (22 Seiten) ist für meinen Unterricht überflüssig, kann jedoch mit der beiliegenden 30-Tage-Probierversion von den Schülern zusätzlich selbst erschlossen werden. Ab Kapitel 3 finden sich die Techniken, die den Erfolg bei der Bildbearbeitung garantieren: Auswahlen, verlustfreies Arbeiten, Farben und Tonwerte um nur die ersten zu nennen. Dieser Aufbau entspricht genau meinem Herangehen an Bildbearbeitung: es kommt mehr auf Grundverständnis von Techniken und Werkzeugen an, als auf spezielle Anwendungen.

Fazit

Die „Photoshop Bibel“ von DigitalPhoto wird von mir als begleitendes Unterrichtsmedium für den Bildbearbeitungs-Unterricht sehr empfohlen. Die angehenden Fotomedienfachleute kaufen sich das Heft und haben das erste Kapitel schon erfolgreich absolviert.

Und von den gegenüber der „Photoshop für Einsteiger“ Hefte gesparten 2,15€ gibt es in der Cafeteria einen Milchkaffee und einen dieser hervorragenden Schoko-Cookies.