“You’re brand new – You’re retro”
Freitag, 7. Januar 2011 8:55
“Fotos rauben die Seele eines Menschen” glauben einige Naturvölker – so ein Mythos der Fotografie.
Was ist aber mit der Seele der Fotografie?
Wird diese durch digitale Aufnahmetechnik geraubt?
Pixeldämmerung:
Die Dämmerung der sich massenhaft verbreitenden digitalen Fototechnik sah ich 1995. Ein Artikel des damals neuen deutschen Rolling Stone Magazines zeigte Digitalfotos, welche live von einem Rock-Konzert -passenderweise eines der Stones- übertragen waren. Klötzchengrafik, Treppcheneffekt – Bildqualität mangelhaft; aber es zeichnete sich ab was folgen würde.
10 digitale Kameragenerationen* später ist objektiv festzustellen, dass die digitale Revolution auch im fotografischen Bereich zumindest technisch abgeschlossen ist, nachdem sie ja im Bereich Tonaufnahme und – Bearbeitung etwa 10 Jahre früher stattgefunden hatte.
Ende 2010 sind die Kameras aller Klassen, die Objektive, das Zubehör und die Nachbearbeitung ausgereift, Zumindest, wenn die Marketing-Experten den Ingenieuren mal nicht ins Handwerk pfuschen. Der Megapixel-Wettlauf scheint beendet und lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor.
Von der Anmutung digitaler Fotos
Die digitale Fototechnik, ich schliesse hier die digitale Nachbearbeitung der Bilddateien ein, macht es einfach, die system- oder verfahrensbedingten Fehler und Mängel der analogen Fotografie loszuwerden: Filmkorn als kleinster gemeinsamer Teiler bezüglich Auflösung, Farbstiche durch falsche Farbtemperatur der Beleuchtung, echte und künstliche Vignettierung, das Festgelegtsein auf die Empfindlichkeit des eingelegten Films – all dies spielt bei richtig angewendeter Digitalfotografie keine Rolle mehr oder lässt sich bei der Nachbearbeitung mit wenigen Mausklicks entfernen. Dass die Digitalfotografie mit eigenen neuen system- und verfahrensbedingten Schwierigkeiten zu kämpfen hat ist sicher unbestritten, sei aber hier auch nicht Thema.
Retro-Look oder Seelenwanderung?
Ich lasse die ‘hippen’ Digitalfotos der etwa letzten drei Jahre revue passieren und stelle fest, dass es derzeit schick zu sein scheint, digitale Fotos mit analogen Fehlern aufzupäppeln. Hier eine kleine Hit-Liste ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
- Vignettierung,
- Blendenflecken,
- Rauschen (meist als Versuch, Filmkorn nachzubilden),
- Farbstiche, z.B. “wie ein verblasstes Kodak-Pocket-Foto”,
- Anmutung von Crossentwicklung,
- die Nachbildung des Polaroid-Transfer-Verfahren und
- digitale Handkoloration.
Nun frage ich mich: Warum braucht es das augenscheinlich?
Von Hause aus Tonmeister erinnere ich mich an ähnliche Bestrebungen in der Musikproduktion.
Tatsächlich gab es, kurz nachdem die CD als Musikabspielmedium die LP abgelöst hatte, Produktionen, bei denen künstlich Rauschen und Knacksen und die fürchterlich niedrige Übersprechdämpfung der 45°-Flankenschrift zugemixt wurde. Argument: “Klingt dann nicht so steril.” Diese Phase war bei der Musikproduktion aber allenfalls ein kurzes Aufflackern der Gestrigen. Heute hat die digitale Musikproduktion ihre eigene Ästhetik gefunden. Das es parallel dazu eine ‘neue Vinylwelle’ gibt bzw. gab lässt das Gros der Produktionen unbeeinflusst.
Wie wird es in der digitalen Fotografie?
Bleibt der Retro-Look ein Standard-Stilmittel? Braucht die ‘neue’ Fotografie die Seele der alten, weil sie selbst keine hat?
Oder wird sich das Repertoire der digitalen Bild-Anmutungen über das schon etwas zu strapazierte HDR und den Saubermann-Look der Pixelschubser hinaus so erweitern, dass die Bildfehler von vorgestern dort bleiben können, wo sie eigentlich hingehören?
Time will tell!
* Nach dem Mooreschen Gesetz verdoppelt sich die Leistungsfähigkeit von Computern – nichts anderes sind digitale Kameras – alle 18 Monate.
Abgeleitet heißt das, eine technische Kamerageneration ‘lebt’ 1 1/2 Jahre.
UPDATE 2011-04-25:
Auf Spiegel Online stellt Ole Reissmann Retro-Apps für Smartphones und Tablets vor.
Thema: Bildbearbeitung, Fotografie | Kommentare (3)












